Karl-Heinz Hochhaus
1. Einführung
Auch die Schiffstechnik und Schifffahrt stellt sich auf die Energiewende ein. Die Motorhersteller MAN und WinGD (ehemals Sulzer) haben 2T-Antriebsmotoren entwickelt, die den Einsatz von grünen Brennstoffen mit geringen CO2-Emissionen ermöglichen. Diese Kraftstoffe wie Methanol und Ammoniak werden über den Umweg grünen Strom und Wasserstoff gewonnen. Erste Reedereien haben Schiffe mit Methanol in Betrieb bzw. Ammoniak geordert und von den 12 Methanol-Schiffen der Mærsk-Equinox-Klasse sind die meisten inzwischen in Fahrt [1]. Die Frage nach der Herkunft der alternativen Kraftstoffe gewinnt an Aktualität und beschäftigt nicht nur die Reeder. Deutsche Wasserstoff-Partnerschaftsprogramme laufen mit 15 Ländern und besonders die großen Hafenstädte errichten Terminals für den Wasserstoff- und Ammoniakimport bzw. bauen sie aus. Deutschlands größtes Ammoniak-Importterminal befindet sich in Rostock. Brunsbüttel hat im Oktober 2024 ein neues Terminal eingeweiht, Wilhelmshaven ist mit Australien als Lieferland im Gespräch und in Hamburg wurde der Bau mit Blick auf Saudi-Arabien im November 2022 beschlossen [2].
2. Hintergrund Saudi-Arabien
Seit Januar 2015 herrscht der 89-jährige König Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud über die absolute Monarchie Saudi-Arabien. Sein Sohn Mohammed bin Salman, seit 2017 Kronprinz, hat in Technologie, Touristik, Sport und Unterhaltung Milliardeninvestitionen bewirkt sowie durch die Teilhabe von Frauen am Erwerbsleben eine gesellschaftliche Öffnung des Landes ermöglicht. Das Entwicklungsprogramm „Saudi Vision 2030“ wurde von ihm im Jahr 2016 zum Ausbau der Wirtschaft und Kulturangebote als Regierungsprogramm verkündet. An der Finanzierung der Vision 2030 mit der im Oktober 2017 angekündigten Sonderwirtschaftszone Neom sind der staatliche Ölkonzern Saudi Aramco und der Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) beteiligt. Salman ist Vorsitzender des Staatsfonds und stellte seine visionären Pläne der Sonderwirtschaftszone Neom im Dreiländereck Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien vor. Das rabiate Vorgehen unter Salman gegen Aktivisten und Kontrahenten, insbesondere die Ermordung von Jamal Khashoggi, wurde international von Kritik begleitet.

Bild 1: Sonderwirtschaftszone Neom mit dem „Port of Neom“, Solar- und Windpark sowie dem Wasserstoffkomplex (Quelle Neom).
3. Sonderwirtschaftszone Neom
Neom hat eine Fläche von 26.500 km² (fast die Fläche Belgiens), ist inzwischen die „größte Baustelle der Welt“ und tritt derzeit in eine neue Phase der Umsetzung. Das Amt des CEO hat Aiman Al-Mudaifer 2024 von Nadhmi Al-Nasr übernommen, der 2017 die Nachfolge von Klaus Kleinfeld antrat. Die ursprünglich veranschlagten Kosten beliefen sich auf 500 Mrd. US-Dollar (USD), mittlerweile liegen sie deutlich darüber. Neom besteht aus vier räumlich getrennten Großprojekten, wie die revolutionäre 170 km langen Stadt „The Line“, die inzwischen auf 2,4 km reduziert wurde [3]. Das Skigebiet „Trojena“ in den Bergen, die weitgehend fertige Ferieninsel „Sindalah“ sowie der schwimmende Industriekomplex und Seehafen Port of Neom (Oxagon) im Roten Meer gehören dazu [4]. Schwerpunkt dieses Beitrages ist der Port of Neom mit dem 2 GW-Wasserstoff- und Ammoniakkomplex.
4. Neom Green Hydrogen Company (NGHC)
Im Juli 2020 kündigte Air Products zusammen mit ACWA Power und Neom die Unterzeichnung einer Vereinbarung zur Herstellung von wasserstoffbasiertem Ammoniak aus erneuerbarer Energie an. Dazu wurde die Neom Green Hydrogen Company (NGHC) mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von 8,4 Mrd. USD gegründet. Sie gehört den Partnern zu gleichen Teilen und errichtet Anlagen mit rund 4 GW grüner Energie, die mit Solar- und Windanlagen gewonnen wird. Zusätzliche Speichersysteme ergänzen den Komplex der bisher weltweit größten kommerziellen Ammoniak-Produktion auf Basis von grünem Wasserstoff (Bild 1) [5]. Zur Finanzierung wurden rund 6,1 Mrd. USD des gesamten Investitionsvolumens von 8,4 Mrd. USD als Fremdkapital von einem großen Konsortium von insgesamt 23 internationalen und regionalen Banken und dem saudischen Staatsfonds bereitgestellt. Auch die deutsche KfW IPEX-Bank ist mit 325 Mio. USD daran beteiligt [6]. Air Products ist Generalunternehmer und NGHC hat mit Air Products einen 30-jährigen Abnahmevertrag für das gesamte in der Anlage produzierte Ammoniak abgeschlossen [5].

Bild 2: Schematische Darstellung der Wasserstoff- und Ammoniakproduktion (Quelle Air Products)
5. Air Products
Air Products als weltweit führendes amerikanisches Unternehmen im Bereich Energie und Umwelt produziert Industriegase mit der zugehörigen Ausrüstung und Logistik. Das Unternehmen lieferte in den USA flüssigen Wasserstoff und Sauerstoff als Treibstoff der Space Shuttle. Im Neomprojekt wurde Thyssenkrupp Nucera bereits früh als Technologielieferant ausgewählt und Ende 2021 mit der Lieferung der Elektrolyseanlagen zur Produktion von Wasserstoff beauftragt [7]. Airproducts wird daraus und mit Stickstoff aus der Luft rund 1,2 Millionen Tonnen grünes Ammoniak pro Jahr synthetisieren (Bild 2). Den Unterauftrag für die Planung, Beschaffung und Bau der Stromerzeugung und Verteilung erteilte der Generalunternehmer Air Products Ende 2022 dem indischen Projektentwickler Larsen & Toubro. Sie bestehen aus den Photovoltaikanlagen mit Leistungen von rund 2,2 GW, den Windkraftanlagen mit 1,7 GW und einem Akkusystem mit einer Speicherkapazität von 400 Megawattstunden (MWh).

6. Erneuerbare Energie aus Sonne und Wind
Für die Entwicklung und Betrieb der Wasser- und Energieinfrastruktur ist die Neomtochter Enowa zuständig, die vom niederländischen Manager Peter Terium geleitet wird. Larsen & Toubro beauftragte das chinesische Solarunternehmen Jinko Solar im Juli 2024 zur Lieferung einer Photovoltaikanlage mit der Nennleistung von 1 GW und im August 2024 erhielt die chinesische Firma Sungrow den Auftrag für die Wechselrichter der 2,2 GW Solarparks. Die PV-Anlage Shigry 2 wird auf einer Fläche von rund 66 qkm in der Provinz Tabuk der NEOM-Region errichtet. Den Auftrag zur Lieferung von 284 Windturbinen (Bild 3) mit je 6,5 MW Nennleistung erhielt das chinesische Unternehmen Envision Energy im Juni 2023 [8]. Die Windturbinen werden z. Zt. in der Nähe des Golfs von Akaba errichtet. Zur Stromverteilung gehören die verbindenden Netze, Transformatoren sowie das Energie Power Monitoring System. Aus dem grünen Stromnetz sind neben dem Wasserstoffkomplex auch der Hafen, die Stadt, das Industrieareal sowie die riesige Umkehrosmoseanlage im Port of Neom zu versorgen.

Bild 3: Ankunft und Löschen der Windkraftanlagen im Port of Neom (Quelle Neom)
7. Port of Neom und Industriestadt Oxagon
Duba Port befindet sich im nördlichen Teil des Roten Meeres im Zufahrtsbereich des Suezkanals und wurde 2023 in „Port of Neom“ umbenannt. Der Hafen wird seit 2023 mit Schwimmbaggern der Firma Boskalis vertieft und vergrößert (Bild 4). Das erste Containerterminal mit einer Umschlagkapazität von 1,5 Millionen TEU pro Jahr wurde 2025 eröffnet. Dazu wurden Baumaßnahmen und Beschaffungen für ein 18,5 Meter tiefes Hafenbecken mit 10 ZPMC Containerbrücken und den 30 vernetzten elektrischen Portalkränen abgeschlossen. Für den Stückgutbereich lieferte Liebherr 10 mobile Hafenkräne. Der „Port of Neom“ wird von Oxagon umgeben sein, einer visionären schwimmenden achteckigen Industriestadt aus einer Reihe von Quadraten, die durch ein Netz von Kanälen verbunden werden sollen. Sie wird Fabriken, Büros, Logistikzentren und Wohnungen beinhalten.

Bild 4: Bagger-Arbeiten im Port of Neom (Quelle Boskalis, Bildmontage Hochhaus)
8. Wasserstoff- und Ammoniakkomplex
Im Rahmen des Vertrages mit Air Products liefert Thyssenkrupp Nucera eine 2 GW Elektrolyseanlage auf Basis seines 20 Megawatt (MW) Moduls Scalum (Bild 5) für die alkalische Wasserelektrolyse. Damit werden aus 2 GW Solar- und Windstrom täglich bis zu 600 t Wasserstoff produziert. Ein Teil des produzierten Wasserstoffs wird in Anlagen des dänischen Unternehmens Topsoe in 3.500 t pro Tag bzw. 1,2 Mio. t im Jahr zu Ammoniak synthetisiert [9]. Dazu wird Stickstoff verwendet, der in Luftzerlegungsanlagen von Air Products entsteht.

Bild 5: Das 20 Megawatt Elektrolyse-Modul Scalum von Thyssenkrupp Nucera (Quelle Thyssenkrupp Nucera)
DerWasserstoff- und Ammoniakkomplex befindet sich südlich vom Port of Neom. Im März 2022 war Grundsteinlegung und 2026 soll der Betrieb beginnen. Hier befindet sich auch der neue Schiffsanleger zur Ammoniakverladung. Einer der Empfangshäfen des grünen Ammoniaks wird neben dem britischen Immingham und Rotterdam auch Hamburg sein [2].

Bild 6: 2025, Blick auf den Schiffsanleger und die Baustelle vom Wasserstoff- und Ammoniakkomplex in der Sonderwirtschaftszone Neom (Quelle Air Products)
Vom Bau dieser Anlagen (Bild 6) ist auf aktuellen Luftbildern vom November 2024 vieles wie auch die riesigen Lagertanks deutlich sichtbar. Sie werden zur Zwischenlagerung des Ammoniaks dienen. Air Products hat die deutsche Firma SPG Steiner GmbH mit seinen lokalen Partnern MAN Enterprise und AlMajal Alarabi Holding im Juni 2022 mit dem Bau dieser Tanks beauftragt. Sie haben jeweils eine Höhe von 40 Metern und einen Durchmesser von 76 Metern.
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7. Quellen
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%A6rsk-Equinox-Klasse
[2] https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2022/11/20221117-habeck-erstes-importterminal-fur-grunen-ammoniak-kommt-nach-hamburg-wegmarke-fur-hochlauf-der-wasserstoffwirtschaft.html
[3] www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/bau/saudische-megacity-the-line-mehr-als-ein-maerchen-aus-1001-nacht/
[4] https://www.wiwo.de/technologie/wirtschaft-von-oben/wirtschaft-von-oben-251-saudische-megacity-neom-der-oelprinz-und-die-weltgroesste-fabrik-fuer-gruenen-wasserstoff/29658970.html
[5] https://www.airproducts.de/energy-transition/neom-green-hydrogen-complex
[6] https://www.kfw-ipex-bank.de/Presse/News/Pressemitteilungsdetails_764672.html
[7] https://www.thyssenkrupp.com/de/newsroom/pressemeldungen/pressedetailseite/eines-der-grossten-grunen-wasserstoffprojekte-der-welt:-thyssenkrupp-unterzeichnet-vertrag-uber-2gw-elektrolyse-anlage-fur-air-products-in-neom-124583
[8] https://www.prnewswire.com/news-releases/air-products-erteilt-envision-energy-den-auftrag-fur-1-67-gw-windturbinen-fur-das-unternehmen-neom-green-hydrogen-301843269.html
[9] https://www.topsoe.com/press-releases/worlds-largest-green-hydrogen-project-will-use-haldor-topsoe-ammonia-technology