
Das Bild zeigt den Diesel Motor mit dem Namen Opa, der über 100 Jahre alt ist und immer noch läuft (Foto Dr. Hochhaus)
1. Einführung (1)
Die Soldaten nennen ihn liebevoll Opa, und der fast vier Meter hohe 70-PS-Motor steht in der Ausbildungshalle der Marinetechnikschule Stralsund-Parow. Der unter Denkmalschutz stehende Diesel-Veteran wurde nach dem Bau der neuen Marinetechnikschule im Jahre 2002 von Kiel nach Stralsund überführt.
Weltweit existieren nur noch zwei Maschinen dieser Art. Ein baugleiches Exemplar steht in den USA, ist aber nicht mehr funktionsfähig. Der heute an der Marinetechnikschule (MTS) ausgestellte Motor wurde ursprünglich als Ausbildungsanlage in der durch eine Kabinettsorder von Kaiser Wilhelm II. in Kiel neugebauten Ingenieur- und Deckoffizierschule am 1. Oktober 1913 in Dienst gestellt. Diese Schule wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesmarine als Technische Marineschule (TMS) weitergeführt und wurde zur Ausbildungsstätte aller Schiffstechniker und Marinesoldaten aller Laufbahn- und Dienstgradgruppen – über vier Generationen und fünf Marinen hinweg. Der Dieselmotor diente in diesen Jahrzehnten tausenden Schiffstechnikern als Ausbildungsanlage und in den Anfangsjahren der Schule diente er sogar als Stromerzeugeraggregat für das gegenüberliegende Kinderhospiz in der Kieler Wik. Kein Wunder also, dass er irgendwann in der Marine den liebevollen Spitznamen „Opa“ erhielt.
2. Technische Daten

Es ist der älteste noch in Betrieb befindliche MAN-Dieselmotor. „Einmal pro Woche werfen wir ihn an“, sagt der Maschinist, greift zur Ölkanne und füllt einen der acht Topföler auf. „Ölen ist das Wichtigste“. Dann wird das drei Tonnen schwere Schwungrad auf den Totpunkt getörnt, die Ventile der Preßluftflaschen Für die einen Blasen Luft und die Anlass Luft geöffnet und dann dauert es einige Minuten, bis sich Opa mit Generator immer schneller in Bewegung setzt.

Blick auf den laufenden Motor mit Drehzahlregler und Drehzahlanzeige (Foto Dr. Hochhaus)
Das Wunderwerk der Ingenieure hat zwei Weltkriege, viele Modernisierungen und Ausmusterungen überstanden. Gebaut in der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN) war der Zwei-Zylinder-Viertakt-Diesel im Februar 1912 für 24.730 Goldmark von der kaiserlichen Marine gekauft worden. In der Ingenieur- und Deckoffiziersschule Kiel-Wiek diente er zunächst angehenden Schiffsheizern als Übungs- und Ausbildungsanlage. Später lieferte er Notstrom für ein Lazarett.

Drehzahlregler und Abgasthermometer
Generationen von Marinesoldaten sind an dem technischen Denkmal ausgebildet worden. Jeder Marineoffizier und fast jeder motorentechnische Unteroffizier der Bundesmarine, später der Deutschen Marine und der Marinen davor habe an dem Motor gelernt. Die Nockenwelle und die Ventile sind sichtbar und lassen technische Abläufe in einem Motor nachvollziehen. Unter Anleitung von vier älteren MAN-Experten ist der Motor 2002 demontiert worden, Der Wiederaufbau in Stralsund war eine Herausforderung. Statt einer neue Kraftstoffpumpe mußte man aus Kiel den uralten Hochbehälter holen und anbauen, so dass das natürliche Gefälle wieder hergestellt wurde. Erst dann ließ Opa sich wieder starten und am 5. Mai 2003, sieben Monate nach der Demontage in Kiel, lief der Diesel zum ersten Mal in Stralsund.
3. Der Kampf um den „Opa“
Erinnerung von Kapitän zur See Volkhart Meyer anlässlich des Festaktes 20 Jahre Grundsteinlegung an der MTS im Jahre 2012 (leicht gekürzt):
„Von Beginn meiner Zeit als Kommandeur in Kiel an wurde ich von nahezu allen Marineoffizieren bis in die höchsten Dienstgrade gefragt: “Was macht Ihr denn mit dem „Opa“? Nehmt Ihr den mit?“ Für die, die es nicht wissen: Der „Opa“ ist kein Mensch, sondern der letzte heute noch betriebene Zwei-Zylinder-Einblase-Diesel von 1912. Er wird demnächst 100 Jahre alt. An dieser Maschine wurde jeder Marineoffizier und fast jeder motorentechnische Unteroffizier der Bundesmarine ausgebildet. Trotzdem wollte ich für Tradition alleine keinen Cent ausgeben. Also habe ich zunächst die Frage beantwortet: „Wozu brauchen wir das Ding?“ Dazu habe ich im ersten Monat meiner Amtszeit ein “Pädagogisches Konzept“ für die Maschine geschrieben, in dem die Bedeutung des „Opas“ für den Gefechtsdienst nachgewiesen wurde. Die Ausbilder haben es diskutiert und übernommen. Gleichzeitig habe ich die Intensivierung der Ausbildung an der Maschine und eine entsprechende Dokumentation angeordnet.
Aber er stand unter Denkmalschutz in Verbindung mit der Kieler Maschinenhalle I. Damit war die Sache eigentlich gescheitert, denn der Denkmalschutz gewinnt fast immer. Ich fand aber in dem Bescheid des Schleswig-Holsteinischen Landesamtes für Denkmalschutz eine Formel, die sagte, dass die Teile der Schule, die für die Landesverteidigung der Bundesrepublik Deutschland unabdingbar sind, vom Denkmalschutz ausgeschlossen seien. Und diesen Sachverhalt hat ausschließlich das Verteidigungsministerium festzustellen.
Also legten wir den Fall dem BMVgBundesministerium der Verteidigung vor und das stellte fest, dass durch das “Pädagogische Konzept“ nachgewiesen sei, dass diese Maschine zwingend erforderlich für die Ausbildung und Erziehung als Basis für eine Gefechtsausbildung sei und damit unabdingbar für die Landesverteidigung der Bundesrepublik Deutschland. Hinter dieser heutzutage absurd erscheinenden Behauptung steht der Gedanke, dass die Soldaten im Einsatz anders als sonstige Techniker mit defekten Maschinen umgehen können müssen. Dazu braucht man ein Gefühl für die in so einem Motor vorherrschenden Kräfte und Gewalten und ein sehr klares Verständnis von den Vorgängen. Genau dies kann der „Opa“, anders als jede komplexe moderne Maschine, heute noch vermitteln.
Dieser Auffassung folgte auch der Bundesrechnungshof, der inzwischen von interessierter Seite eingeschaltet worden war und den Fall vor Ort untersuchte. Er sah ein und bestätigte, dass diese oder eine vergleichbare Maschine für die Ausbildung erforderlich sei und dass der Umzug dieser Maschine nach Parow die wirtschaftlichste Lösung sei. […] Wenig später erhielten wir die Genehmigung, den “Opa„ mit geringen Auflagen mitzunehmen und der Aufsicht durch das Landesamt für Denkmalschutz von Mecklenburg-Vorpommern zu unterwerfen, was wir gerne taten.“
3. OPA ist ein Dieselmotor mit Kraftstoff-Lufteinblasung
Das Verfahren der Lufteinblasung ist die historisch erste Form einer inneren Gemischbildung für Verbrennungsmotoren, die ab 1896 die technische Realisierung des Dieselmotors ermöglichte. Sie wurde in den ersten Jahrzehnten des Dieselmotorenbaues angewendet und von Rudolf Diesel erfunden. Nur mit diesem Verfahren war es ihm möglich geworden, mit den technischen Mitteln seiner Zeit eine ausreichende Zerstäubung des Brennstoffs zu erzielen.

Luftflaschen für die Anlaßluft und Einblaseluft
Dieselmotoren mit Lufteinblasung zeichnen sich durch eine sehr weiche Verbrennung aus. Allerdings eignet sich das System nur für geringe Drehzahlen und ist sehr aufwändig, da ein zusätzlicher mehrstufiger Kompressor für die hoch verdichtete Einspritzluft benötigt wird. Der Antrieb dieses Kompressors verbraucht überdies einen Teil der abgegebenen Motorleistung. Aus diesem Grund versuchte schon Rudolf Diesel selber, das einfacheres kompressorloses System zu entwickeln, was ihm aber nicht gelang. 1911 brachte die Gasmotorenfabrik Deutz den ersten serientauglichen kompressorlosen Dieselmotor auf den Markt. Doch erst in den 20er Jahren setzte sich der kompressorlose Dieselmotor durch die Erfindung von neuenVerbrennungsverfahren wie der Vorkammer richtig durch. Der Dieselmotor mit Lufteinblasung wurde daraufhin innerhalb weniger Jahre komplett vom Markt verdrängt.
Literatur
(1) https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/zmsbw-ausgestellt/opa-von-1912-ein-ganz-besonderer-dieselmotor-5881594#:~:text=Der%20%22Opa%E2%80%9C%20in%20der%20Lehrsammlung%20der%20Marinetechnikschule%20in%20Parow.